Es gibt viele Marlens. Marlene die Mutter, Marlene die Antifaschistin, Marlene die Schauspielerin, Marlene die unersättliche man- (/woman) eater, Marlene das Fangirl und so weiter und sofort. Tja und die bahnbrechendste und underrrateste von Ihnen allen ist wohl Marlene die Modeikone. Oh snap! hot take! Nachdem Vogue und diverse andere Fashionmagazine Marlene zum 94724724 Mal zur fashionista schlechthin erklärt haben, bin ich da etwas late to the party mit einem solchen Avantgarde Statement von selten gesehener Schärfe. Wie oft wurden wir über Marlene die Modeikone belehrt oder haben sie in ihrem kleinem Strapsgürtel, ihrem Herrenanzug oder den kleinen top hat gesehen?
Point taken, aber die Sache ist, dass wir uns hier ein Bild einer Frau anschauen dessen Look und Image nicht 100% kalkulierend kuratiert wurden. Üblicherweise würde sich ein Team von PR Beratern, Stylisten, Trendforschern und Marktforschern von der Größe eines kleinen Staates zusammenfinden um einen solchen Look zu kreieren. Ich lehne mich jetzt einfach mal graziös aus dem Fenster und behaupte, dass dieses Bild eines, wenn nicht das realste wahrste Bild in der Geschichte der Popkultur ist.
Unsterbliche Bilder
Genauso wie ihr Idol Henny Porten, wählte Marlene selbst die Looks und Outfits für den blauen Engel aus. Und hey, dieses Bild ist so ubiquitär, ikonisch und natürlich selbst in der postpostpost-modernen Bilderwelt, dass ich ca. 3 mal alle 9 Staffeln Seinfeld schauen musste und nur beim 3. Mal aufsprang als ich erkannte dass die Bar in der Jerry Seinfeld in quasi jeder Folge abhängt, ein Poster mir der jungen Marlene in ihrem blauen Engel-Look hängt.
Aber selbst so eine riesige Produktion wie Der blaue Engel welche auf einen US- (und Frankreich) Export abzielte, hatte kein Budget für eine Kostümdesignerin. Marlene steckte eine Menge Arbeit in die Kreation ihrer Looks im blauen Engel. Einen Großteil ihrer Inspiration lieferten die SexarbeiterInnen, die ihre primären und sekundären Geschlechtsteile am Nollendorfplatz in Schöneberg verhökerten. Speziell eine “Transvestiten-Prostituierte” (Anführungszeichen, da dies der historische Begriff für Transmenschen und Sexarbeiter war- Don´t shoot the messenger ok?) inspirierte sie zu dem sichtbaren Strapsgürtel, welcher eine tragende Rolle in dem blauen Engel spielte. Warum? Weil, die Kunst imitiert das Leben und das Leben imitiert die Kunst. Und yep, wir reden hier nicht nur von den goldenen Zeiten des deutschen Kinos sondern auch von den goldenen Zeiten der Modeschöpfung. (Mehr davon in Teil 2 dieser Serie)
Die Rolle der Mode.
Die Handlung des blauen Engels, der Film der quasi Marlene´s Eintrittsticket nach Hollywood war, wird hauptsächlich von Mode herangetrieben. Zumindest ist das eine Erzählart. Und ich meine das auch nicht in einer Mad Men/Gossip girl- Art, in welcher fingerfertige Kostüm-designer und ihr sehr gelungenes Styling Job über eine schwache story hinweghelfen. Nein, ich meine, das man die Geschichte literally nicht erzählen könnte ohne die Spitzenhöschen die auf Professor Unrath´s Schultern landen die er dann in der Tasche seines Jackets versteckt und welche ihm eine Ausrede geben um Lola Lola nocheinmal aufzusuchen. Das Höschen landet auf dem Boden, Lola Lola befreit den steifen Professor von Stock und Zylinder und die klassischen Geschlechterrollen sind umgedreht. In den Hauptrollen spielten Spitzenhöschen, Stock und Zylinder. Lola wer?
Als nächstes sehen wir Lola Lola auf dem Fass sitzend, ihre berühmten Beine stecken in einem Strapsgürtel. Wer zieht überhaupt Strapsgürtel an? Prostituierte! Escandaloso!
Marlene wusste das Lola Lola einen sichtbaren Strapsgürtel tragen musste. Und selbst als sie sich zum Hollywood A-lister mauserte, würde sie zumindest mit der Kostümabteilung zusammenarbeiten, wenn nicht sogar die tyrannische Herrschaft dieser ergreifen. Niemals würde sie die Kostüme an die Kostümarbeit delegieren, was verstanden diese selbsternannten Modeexperten schon von fashion. Marlene war fashion. Nein, Marlene ist fashion! Stets brachte sie ihre eigenen Muster und Ideen zu Meetings. Oftmals kümmerte sie sich auch um ihr eigenes Make-up, denn früh wusste sie mehr über Make up als die führenden Make-up artists ihrer Zeit, wie Elizabeth Arden und Max Factor. In Donald Spoto´s Biographie beschreibt er den akribischen Prozess wie sie eine Kerze unter eine Untertasse hielt, den Ruß der sich dort bildete mit etwas Lanolin vermischte und diese Mischung dann auf ihre Augenlider auftrug, etwas stärker am Lidrand und bis zur Augenbraue hin langsam abklingend. [1]
Body autonomy in Hollywood Äh, nächste Frage bitte.
Eine maliziöse Interpretation Marlene´s Händchen for all things fashion, Looks und Image zu erkären wäre pure Eitelkeit. Eine andere wäre Selbstbestimmung, gar Verantwortung. Marlene überließ niemanden die Kontrolle über ihr Image was sich daraufhin quasi automatisch auf andere Spheren ausweitete. Niemand hatte mehr Kontrolle über ihr Leben, ihren Körper, ihre Moral, ihr Glauben als Marlene selbst. Marlene did Marlene. Und dass in einer Zeit, in der Hollywood-Studios ihre Schauspieler quasi besaßen denn man war damals quasi festangestellt an einem Studio.

Die Kategorie Milf war noch nicht eine der beliebtesten Porno-kategorien, sondern die Antithese der Diva Fantasie die man in Hollywood verkaufte und Annie Leibovitz berühmtestes Foto die eine schwangere Demi Moore mit ihrem kugelrunden Babybauch fotografiert, noch nicht der Auftakt des Genre „sexy Babybauchfotos“. MGM baute nicht nur alle möglichen Vertragsstrafklauseln ein, die es Hollywoodsternchen verbot Kinder zu bekommen, Stars wie Jean Harlow wurde es auch verboten zu heiraten. Die mexikanische Schauspielerin Lupe Velez, dessen Freund wie so viele andere auch von Marlene ausgespannt wurde, nahm sich 1944 das Leben, da sie die Abtreibung, zu der sie ihr Vertrag zwang, nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren konnte. Das wohl bekannteste Vintage- Hollywood-Opfer, dem noch viele folgen sollten, Judy Garland zwang man nicht nur zur Abtreibung, sie wurde auch auf Amphetamine gesetzt als sie es nicht schaffte „ihr Gewicht zu kontrollieren“. Dazu muss man sagte dass Amphetamine kein großes Ding waren und auch normalen Frauen routinemäßig während einer Schwangerschaft verschrieben wurde, wenn sie es wagten zu dick zu werden. Wir alle kennen wahrscheinlich unzählige Storys von Prominenten, die Opfer des Starkults wurden. Heute werden SchauspielerInnen und SängerInnen zwar nicht mehr von Filmstudios besessen, dennoch gibt es heute Fälle von Darstellern die reglementarisch auf eine 500 Kalorien Diät gesetzt werden. Selbst als Britney Spears bereits mehrere Millionen verdient hatte, wurde sie von ihrem Arzt auf Lithium gesetzt, als sie sich unwohl mit einer Tanzchoreographie fühlte und sich erfolglos weigerte diese auszführen. Auch Kesha, Jojo berichteten von einem enormen Druck ein gewisses Gewicht zu halten. Keine dieser Frauen hatte irgendeine Art von Body autonomy.Fast 100 Jahre vor diesen Frauen, bemühte sich Marlene nicht im geringsten irgendeine ihrer Affären mit Frauen oder Männern zu verbergen. Sie weigerte sich auch ihre Tochter zu verstecken. Gleichzeitig konnte sie am Ende ihres Lebens, über eine 50-jährige Karriere im Showbusiness zurückblicken. Also zückt eure Notizbücher, girlies.


Lupe Vélez in „The Wolf´s song“

Geliebt von einer ganzen Generation, gedemütigt von Hollywood´s Studiobossen: Judy Garland.
Falls ihr euch jetzt fragt, was das Ganze mit Mode zu tun hat, dazu kommen wir gleich!
Trailblazing like there is no tomorrow
Marlene hatte nicht nur ein Auge für Farben, Stoffe, Schnitte sie war auch eine Wegweiserin in vielen anderen Dingen. Marlene liebte die Mode und die Mode liebte Marlene. Schaut man sich Fotos von ihren berühmten Fashionmomenten an, sehen wir entweder zeitlose Looks oder solche, die ihrer Zeit weit voraus waren. Marlene stylte boyfriend-Jeans, 80 Jahre bevor uns Instyle „10 Outfits mit denen man boyfriend-Jeans stylen kann“. Überhaupt sind Boyfriend-Jeans heute überhaupt nur ein Ding, ist der Tatsache geschuldet, dass es schlicht keine Hosen für Frauen zu kaufen gab. Boyfriend Jeans stammen nicht, wie fälschlicherweise oft vermutet wird, von oversized Baggy pants ab. Also eine schickere Variante von Gangsta Rap´s oversized prison-look zu tun, dem eine 13 jährige Kyria Sobrinho Stunden widmete um ihn komplett zu perfektionieren, inklusive das minutiöse Plazieren des obligatorischen Glitzi-Schwamms in den zwei Nummern zu großen Vans für den perfekten Open-slipper-felon Look. Nein Boyfriend Jeans sind literally der Urknall der Hose für die Frau. Ein neues Kapitel Modegeschichte wurde damit aufgeschlagen, aber mehr dazu in Teil 2 dieser Blogserie.

Die Kostümdesign-Perfektionistin
Nachdem ich 6 Biographien über dieses girl gelesen habe, jede Doku gesehen habe und einen Großteil ihrer Filme gesehen habe, kann ich mit Gewissheit sagen, dass sie eigentlich die größere Liebe zur Mode hatte als zum Film. Wäre Marlene Prinz Charles, dann wäre Diana Film gewesen und Camilla Mode. Also öffentlich gibt sie sich als Schauspielerin aber eigentlich EIGENTLICH ist sie eine Stylistin/Model/Designerin. Und darin ist sie perfekt. Marlene wollte nichts anders als der Tampon der Modegöttin werden.
Anders als Charles „human tampon“ Windsor lässt sie sich aber niemals vom Film scheiden und steht zu ihrer wahren Geliebten. Drehbücher wie das von Boleslawski´s Der Garten Allahs (The garden of allah) interessierten sie nicht die Bohne. Geld stinkt nicht denkt sich die Blondine und erklärt sich bereit für einen Paycheck zu arbeiten. (Die Schönen und Reichen- they are just like us!!) Die Motivation sich der strapaziösen Dreharbeiten hinzugeben, würde sie sicher nicht in den trivialen Dialogen und dem einfallslosen Plot finden. Wo dann? Im Zusammenstellen und Finden der Looks natürlich!
In ihrer letzten Kollaboration mit Joseph von Sternberg, Der Teufel ist eine Frau (The devil is a woman) spielt sie Concha Perez, eine verführerische Fabrikarbeiterin, aka ihre gewöhnliche Rolle der sexy Sirene nur eben auf Spanisch. Hey, es ist nicht so schlimm wie ein braun gesprühter Ben Kingsley in Gandhi oder Scarlett „Motoko Kusanagi“ Johannson- die wohl übelste Fehlbesetzung der Realfilmumsetzung des Manga-Klassiker Ghost in the shell im Jahr 2017 (!!). Jegliche Art von intersektionaler Sensibilität war in Hollywood oder überhaupt in der Gesellschaft einfach noch kein Ding. Achso und don´t be fooled- Auch wenn Marlene einen starken antifaschistischen Standpunkt vertrat, hieß das nicht, dass sie nicht antisemitische oder rassistische Punchlines zum Besten gab. Dieses Thema wird aber Gegenstand eines künftigen Blogposts werden. Also zurück zu Der Teufel ist eine Frau: Marlene „Concha Perez” Dietrich gibt mal wieder Alles, um dem Look eines spanischen Vamps zu entsprechen. Die arisch-blauen Augen sind da wohl fehl am Platz denkt sich Marlene und gönnt sich kurzentschlossen eine Überdosis pupillenerweiterten Augentropfen. In ihrer Biographie ihrer Mutter beschreibt Maria Siva eine urkomische Szene in welcher Marlene in diverse Möbelstücke crasht, Lampen und einen großen Spiegel umwirft da sie mit den Augentropfen eine kurze Sehbeeinträchtigung bzw. Erblindung in Kauf nimmt. Marlene war eben ein ultimativer show-must go on-typ und so dedicated to the cause das auch Blindsein sie nicht davon abhalten konnte, die spanische Version ihrer sexy Sirene gebührend zu spielen.
Ein ähnliches Beispiel für ihren geradezu übernatürlichen Ehrgeiz liefert Edith Head die später zu Hollywood meist prämierten Kostümdesignerin werden sollte. Sie und Mrs. Dietrich waren auf der Suche nach einem passenden Hut für eine Szene. Dies inkludierte das Anprobieren unzählbarer Hüte, die Veränderung dieser, das Aufziehen auf einem anderen Winkel des Kopfes, das Abnehmen der Federn eines Hutes und das Anstecken dieser gleichen auf einen anderen Hut, das Abschneiden von Krempen, Schleiern, das Tauschen von Bändern….für 36 Stunden, mit der einzigen Unterbrechung von 3 Stunden Schlaf.
Ich könnte an dieser Stelle noch ein Dutzend anderer Szenarien erwähnen, in welchen Marlene einfach sehr viel mehr Arbeit in der Kreation ihres Looks stellte, anstatt in die Entwicklung ihrer als Schauspielerin, aber das Fazit sollte mittlerweile verstanden sein.
Marlene 2.0
Oft habe ich eine Fantasie zusammengesponnen in welcher Marlene die Vegas Bühnentour überspringt und sich hinter die Kulissen als fashion designerin/Stylistin neu erfindet. Das Problem an der ganzen Sache ist aber dass Marlene einfach zu extrovertiert und selbstbezogen war um hinter einem Starlett zu verschwinden und es zum glänzen zu bringen.
Erinnert ihr euch an die noch nicht zu Tode gebotoxte Madonna, als alles was sie machte zum Trend wurde? Nach 80s Madonna, habe ich wie die meisten aufgehört mich für ihre Musik zu interessieren. Trotzdem erinnere ich mich noch als Madonna´s music video herauskam und Halleluja wollte ich einen Cowboy-Hut haben. Turns out, Ich war nicht die Einzige. Über Madonna kann man sagen was man will aber bis zu einem gewissen Punkt hatte sie einfach ein Händchen für Trends. Und vor ihr war Marylin und vor Marylin war Marlene. Und danach gab es Lady Gage und eine Anzug tragende Britney Spears die Popkulturgeschichte schreibt, als sie sich besagten Anzug vom durchtrainiertem Leibe reißt und göttinenartig in einem diamantbesetzen Two-piece tanzt. Und ja bis vor Kurzem war Popkultur tatsächlich so weiß und blond aber wir können eine überwältigend-schöne anzugtragende Janelle Monáe dazuquetschen. Ähnlich wie Marlene, sehen wir Janelle oft entweder betont männlich im Anzug ein betont maskulines Tanzbein schwingend oder freizügig im Bikini, langen Haaren und hüftbetont, soft-feminin tanzt. Janelle identifiziert sich als non-binary und hätte es diese Begrifflichkeiten damals begeben, hätte sich Marlene eventuell darin widerfinden können, denn als Kind bestand sie darauf Paul genannt zu werden, liebte Rüschen, Schleifen spielte leidenschaftlich gerne Cowboy und Indianer. Das führt allerdings wieder zu einem anderem Thema, wir bleiben bei fashion!
Wie zuvor geschrieben, egal welches historische Beispiel ich auch erwähne, am Ende landen wir immer wieder bei Frau Dietrich. Und so war es auch Marlene die den Regisseur Billy Wilder zu Marilyn Monroe´s wohl berühmtestem Foto inspirierten. Ihr wisst schon, Marilyn über einem Luftschacht, der Wind bläst ihr Kleid sugestiv über die Knie. Während eines Konzertes passierte genau das Marlene. NICHT Marylin und Billy-Boy liess es sich nicht nehmen diese Szene für Marilyn zu recyclen. Über die anagrammhafte Qualität der beiden Namen, Europa vs Amerika habe ich noch gar nicht erst angefangen und brauche ich auch gar nicht. Wir haben diesen Artikel also mit einem „echten“ ikonenhaften Bild der Popkultur begonnen und enden mit einem konstruiertem recycelten.

[1] Spoto